ENGLAND – LOCOMOTION

IMG_0798Locomotion nennt sich der zweite Standort des National Railway Museums. Angesiedelt in Shildon, wird hier ein anderes Konzept als in York verfolgt. Zumindest weitgehend, da die Anlage auch zum Abstellen der überzähligen Lokomotiven des Museums dient. Der Standort ist zwar ziemlich abgelegen, doch wohl gewählt. Shildon ist die erste Stadt (Gemeinde), die man als Eisenbahnerstadt bezeichnen könnte. Hier befand sich der betriebliche Mittelpunkt der ‚Stockton and Darlington Railway‚, der bekanntlich ersten öffentlichen Eisenbahn, die Lokomotiven für die Beförderung der Züge nutzte. Hier wurde die Spurweite von 1.435mm das erste Mal genutzt. Hier wirkte George Stephenson, der zwar oft dafür gehalten wird, aber nicht der Erfinder der Eisenbahn ist (wirklich, nicht mal der der Dampflokomotive). Zumindest baute er die erste Lok für diese Bahn, die Locomotion No1! Hätten wir also auch gleich geklärt, wo der Name des Museums herkommt! Warum hat man sich für die Spurweite von 1.435mm entschieden? Sicherlich gibt es verschiedene Legenden um dieses Mass, die plausibelste für mich ist, dass diese Breite die Spurweite der damals üblichen Kutschen war. Die ‚Stockton and Darlington Railway‘ beförderte in den Anfangsjahren lediglich Güter auf der Bahn mit Lokomotiven. Der Personenverkehr wurde auch weiterhin, wenngleich auf den Gleisen,  mit Pferd und Kutsche abgewickelt. Wie das ablief haben andere hier sehr schön beschrieben. Die Entstehung Shildons ist eng mit der Arbeit von Timothy Hackworth verbunden, der für Stephenson die technische Leitung der Bahn übernahm. Er war es, der die vorhandenen Maschinen reparierte, modernisierte und neue Lokomotiven baute. Natürlich ist die Lage Shildons für den Eisenbahnreisenden etwas problematisch, man fragt sich, warum ein Hauptwerkstatt so abgelegen errichtet wurde. Nun, das scheint vielleicht heute so, aber wenn man sich in die vergangene Zeit versetzt, ist man hier fast am Anfang der Strecke. Westlicher an dieser Bahn waren nur noch die Kohlenminen zu finden. Hier wurden die Züge zusammengestellt, die Richtung Hafen abgefertigt wurden. Heute fährt glaube ich jede Stunde so eine Art englischer Schienenbus die Strecke ab Darlington, einem ansehnlichen Bahnhof an der ‚East Coast Main Line‚. Beim Umsteigen sollte man diesem Bahnhof durchaus seine Aufmerksamkeit widmen, obwohl vom einstigen (Umsteige-) Glanz nicht mehr viel übrig geblieben ist.

Vielleicht noch eine Reiseempfehlung, mit der sich, unter optimaler Zeitausnutzung beide Häuser des National Railway Museums besuchen lassen. Die Anreise sollte mit einem Vormittagsflug nach Manchester erfolgen. Von Flughafenbahnhof kann man direkt mit dem ‚TransPennine Express‚ nach York fahren. Das dauert knapp 2 Stunden und schon die Landschaft ist die Reise wert. In York am besten das Bahnhofhotel nutzen und am Nachmittag das Museum in York besuchen. Mit einem Rundgang durch York kann man den Tag abschießen. Am nächsten Tag geht es um 9 Uhr los. Mit direkten Anschluss in Darlington, nutzt man den ‚TransPennine Express‘ und ab Darlington die ‚Northern‘. Wer es komfortabler mag und auch den Bahnhof in Darlington besichtigen möchte, kann entweder die Züge der ‚CrossCountry‚ oder die der ‚London North Eastern Railway‚ nutzen. Man muss dann leider zwei Fahrkarten kaufen, aber das sollte kein Problem via TheTrainLine sein. Die ‚Northern‚ fährt nur jede Stunde, deshalb sollte man auch schon einen Rückfahrzeit im Auge behalten. Zwei Stunden sollte man als Minimum für den Museumsbesuch ansetzen, drei sind fast zu viel. Die Frage ist, welchen Plan man für den Rest des Tages hat. Zurück nach York, dann drei Stunden, oder wie ich vorschlagen würde noch nach Newcastle, dann zwei Stunden. Newcastle ist in einer guten Stunde zu erreichen. Von der Stadt einmal abgesehen, haben mich vor allem die Brücken fasziniert. Wer dann noch Zeit und keine Lust auf noch mehr laufen hat, sollte eine Runde mit der ‚Tyne and Wear Metro‚ fahren. Naja, Metro ist sicher ein wenig hochgestapelt, fährt man doch die meiste Zeit überirdisch. Aber wen stört es schon, wie was heißt. Man muss nicht die ganze Runde auf einmal fahren, die Stationen an der Nordsee sind sehenswert. Ach ja, fast vergessen, den vorderen Wagen benutzen und sich mutig auf den Platz neben dem Fahrer setzen! Am Abend geht es zurück nach York und am nächsten Tag individuelle Ab-/Weiterreise.

img_2685

Sicherlich stellt sich noch die Frage, warum nicht Anreise über London. Ein Flug nach London lohnt sich nur, wenn man auch nach London oder in den Süden des Landes will. So man beabsichtigt weiter in Richtung West, Nordwest oder Nordost zu reisen, ist London keine guten Wahl, da man von den Flughäfen immer erst einmal nach London und dort zumeist auch noch den Bahnhof wechseln muss. Hier bieten sich Manchester oder Birmigham an, die nicht nur mit dem Flugzeug gut zu erreichen sind, sondern auch über eine, meist direkte Bahnverbindungen nach ganz England vom Flughafenbahnhof aus verfügen. Aber zurück nach Shildon. Was noch offen ist, Locomotion ist mit dem Auto natürlich gut zu erreichen, Parkplätze sind genügend vorhanden. Der Eintritt frei!

  • Öffnungszeiten:
    • täglich 10:00 – 18:00 Uhr Sommer
    • täglich 10:00 – 17:00 Uhr Winter
  • Adresse:
    • Dale Road Industrial Estate, Dale Rd, Shildon DL4 2RE
  • Website offiziell

Rundgang Locomotion

Wenn man aus dem Zug steigt, sieht man sofort, das es sich bei Locomotion eher um ein Flächendenkmal, als ein Museum handelt. Hier wurde 1833 die Shildon Railway Works eröffnet. 150 Jahre später endete an dieser Stelle der Kampf um die 2.500 Arbeitsplätze mit der Schließung des Werkes. Es war die Zeit des Niederganges der britischen Eisenbahn, des Niederganges Großbritanniens, aber es war die Zeit Margaret Thatchers und des Neuanfanges! Von all dem ist leider nicht mehr viel zu sehen. Man hat sich viel zu spät entschieden, hier ein Museum zu errichten. So hat man nur die überall verteilten Schautafeln, um sich ein Bild von den Vorgängen auf den Bahnanlagen zu machen. Eigentlich schade, aber gut, man kann die Zeit nicht zurück drehen. In der alten Dorfschule befindet sich nicht nur das Besucherzentrum sondern auch eine von Timothy Hackworth gebaute Lokomotive aus dem Jahr 1829, die ‚Sans Pareil‚. In der Ausstellung sieht man eine weitere ‚Sans Pareil‘. Hier handelt es sich um eine betriebsfähige Replik aus dem Jahr 1980.

Wenn wir dem Railtrail weiter folgen, treffen wir als nächstes auf das Wohnhaus von Timothy Hackworth. Hier hat man versucht, die Einrichtung und die Lebensweise möglichst originalgetreu darzustellen. Es folgt das älteste Industriegebäude der näheren Umgebung, das 1826 gebaute ‚Soho Shed‘. Es war zwar kein Teil der ‚Soho Works‘, wohl aber als Eisenwarenhandlung mit der Eisenbahn verbunden. Weiter finden wir die Post- und die Stückgut Station der Gemeinde.

Im weiteren Verlauf finden wir einen typischen englischen Bahnübergang. Warum, bzw. welchen Zug diese die Holzkonstruktion wohl ab-/aufhalten sollte? Gar keinen, diese Konstruktion verfolgt ein ganz anderes Ziel. Erkannt? Was gibt es zuhauf in England? Klar, Schafe. Die Tiere musste schnell und gesittet über die Gleise und wie zu sehen, ging das so ganz gut. Das nächste Bauwerk birgt ein spannendes Geheimnis. Zwar sieht man heute nur noch eine Wand, aber hierbei handelte es sich um eine Bekohlungsanlage für Dampflokomotiven. Eine äußerst einfache, aber wirkungsvolle Konstruktion. Oben wie unten gab es Gleise. Die Kohlewagen wurden auf die Anhöhe geschoben. Unten warteten die Lokomotiven. Dann wurde die Kohle auf direkten Weg aus dem Wagen in den Tender  geschüttet. Ohne Kran, Bagger oder was wir in Deutschland kennen. Leider gehört heute doch viel Vorstellungskraft dazu um in diese Technik hineinzudenken. Es fehlen einfach die Gleise. Nur auf einer Modelleisenbahn kann man sich das heute ansehen.

Und damit sind wir schon im Lokschuppen angekommen. Obwohl das natürlich etwas tiefgestapelt wäre. Es ist schon eine moderne Ausstellungshalle, die vor uns liegt. Hier wurde Locomotion 2004 durch Tony Blair eröffnet und hier finden wir die Objekte, die ab und zu mit dem Museumsteil in York getauscht werden. Doch nicht nur die, sondern auch viele andere, die hier ihren festen Stand haben. Ja gut, es ist eine Menge zu sehen, aber die Lokomotiven stehen einfach hintereinander!

Klar, die Hauptattraktion ist freilich (für mich) der APT-E (Advanced Passenger Train Experimental), der Neigetechnik Prototyp der British Rail. Anfang der 70iger Jahre wollte die Eisenbahn dem wachsenden Individualverkehr Geschwindigkeit entgegensetzen. Mit dem HST125 hatte man zwar ein gutes Konzept auf der Schiene, aber gerade die West Coast Main Line konnte hier nicht partizipieren. Hier war die Strecke durch viel Kurven nicht für den Hochgeschwindigkeitsverkehr geeignet. In anderen Ländern versuchte man dieses Problem mit der Neigetechnik zu begegnen und hatte damit auch einigen Erfolg. Vor der Globalisierung sah man zwar die Entwicklungen und Ideen der Anderen, trotzdem arbeitete jeder für sich. So auch hier, was im Bau des APT-E gipfelte. Es wurde zwar 242 km/h erreicht und hat auch mit der Neigetechnik halbwegs gute Erfahrung gesammelt, aber schon nach einem Jahr war Schluss mit diesem Zug. Man ging an die Weiterentwicklung, den APT-P.

IMG_0904

Fazit

Nun ja, natürlich ist Locomotion einen Besuch wert. Doch hätte man früher angefangen, diesen Standort zu konservieren, wäre es bestimmt noch interessanter. Aber vorbei ist vorbei und sicherlich kann man auch nicht alles retten.

ENGLAND – Crewe Heritage Centre

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.