EXPRESS ins dritte Jahrtausend

Express ins dritte Jahrtausend, moderne Verkehrslösungen zu Lande, zu Wasser und in der Luft wurde 1986 im Urania-Verlag Leipzig veröffentlicht.

Der Autor beschäftigt sich mit der Frage, wie die anstehenden Verkehrsproblemen des 3. Jahrtausend zu lösen sind. Dabei stellt er den Stand der Technik den Mitte der 80iger sichtbaren Entwicklungstrends gegenüber. Diese vergleicht er nicht nur bezüglich der technischen Machbarkeit, sondern beleuchtet die Wirtschaftlichkeit ebenso. Nicht nur werden die Bereiche Luft-, Wasser-, Landtransport einzeln betrachtet, auch deren Zusammenhang gehen in das Buch ein.

Meine Meinung:

Wenn man den Einband das erste Mal sieht, denkt man sofort an die utopische Literatur der DDR, die Urania Universum Reihe und (wahrscheinlich nur ich) an Weltall, Erde, Mensch! Aber hinter der bunten Fassade verbirgt sich ein wirklich interessantes Buch. Vielleicht fand es zu Erscheinungszeitpunkt noch nicht die interessierte Leserschaft, die es gebraucht hätte, um sich mit den geschilderten Problemen intensiver zu beschäftigen. Das mag auch daran liegen, das das Buch relativ global aufgebaut ist, sieht man sich die Illustrationen an, die sehr aussagekräftig daherkommen, fällt sofort auf, dass hier nicht die Probleme des Transports in der DDR dargestellt werden. So man 10 Jahre auf ein Auto wartet, sind Hoch-, Schnellstraßen und anderer Schnickschnack völlig egal. Man denkt in einem Land wie der DDR nicht sofort an Züge, die mit 300 km/h durch die Gegend fahren oder Urlauber, die weit weg in den Urlaub fliegen. Obwohl, es jetzt nicht so war, das man dieses nicht wollte. Sieht man sich das Bild der Einschienenbahn an (süß, mit Stadt Wappen von Rostock) denkt man natürlich an das Projekt der Alwegbahn in Jena, das sich zumindest zwischen 1968 und 71 in der Planungsphase befand. Da und nicht nur an dieser Stelle, war der Autor seiner Zeit weit voraus. Doch er schafft es, die drei Ebenen des Transport einzeln und gemeinsam auf wissenschaftlich technischen Gebiet zu beleuchten. Die Texte sind, ganz in der Tradition und Anspruch des Urania Verlages populär wissenschaftlich aufgearbeitet, heißt, relativ gut zu lesen.

Was bringt uns dieses 35 Jahre alte Buch heute? Ja, hier wird die Sache interessant…viel! Wir können sehen, wie sich der Verkehr in dieser Zeit verändert hat. Einige Probleme wurden gelöst, viele aber eben nicht. Und so ist dieses Buch aktueller den je. Viele neue Visionen und technische Errungenschaften sind in dieser Zeit nicht hinzugekommen. Sicherlich gibt es größere Flugzeuge, schneller Eisenbahnen, riesige Schiffe, aber die innerstädtischen Verkehrsprobleme wurden nicht gelöst. Keine, die der Autor 1985 zur Diskussion stellte. Es gibt weder schnellere S- bzw. U-Bahnen die miteinander verzahnt sind, noch gibt es ausreichende P+R Parkplätze an der Peripherie der Städte. Interessant ist auch die Meinung des Autors zum Elektrofahrzeug, (hier mal ein kleiner Auszug und nicht vergessen, 1985):

Viele Hoffnungen zu Beseitigung der Luftverunreinigung richten sich auf den Gebrauch der Elektroenerie für den Kraftfagrzeugantrieb. …

Das freizügig einsetzbare Elekrtofahrzeug scheint das ideale individuelle Fahrzeug der Zukunft zu ein. Es fährt geräuscharm, verbreitet keine schädlichen Abgase und kann darüber hinaus sehr einfach bedient werden. Die so umfangreichen Forschungs- und Entwicklungsarbeiten am Eelktroauto in aller Welt dürften gewiss durch die positiven Eigenschaften motiviert sein. Aber, und das kann heute mit Gewißheit gesagt werden, das Elektroauto gehört nicht zu den Fahrzeugen der Zukunft. Diese bittere Erkenntnis lässt sich sehr einfach aus dem Problem der Speicherung der Elektroenergie herleiten. Der Elektroenergievorrat muss in Batterien eingespreist werden, die schon die Hälfte der Eigenmasse eines Elektromobils beansprucht, wenn die Reichweite nur 60 bis 100 km betragen soll. Würde man ins Auge fassen, die etwa 400 Millionen Kraftfahrzeuge auf der Welt, deren Anzahl bis zum nächsten Jahrtausend noch zunimmt, auf Elektroantrieb umzustellen, so würde der Bedarf an Blei, Nickel-Kadmium oder Silber-Zink für die entsprechenden Batterien die Menge der Weltproduktion bzw. sogar die Weltvorräte für diese Rohstoffe übersteigen. Eine generelle Ablösung des benzinautos durch das Elektroauto kann es also schon aus Mangel an Rohstoffen für die Akkumulatoren nicht ernsthaft erwogen werden. Natürlich kämen auch Brennstoffzellen oder andere neuartige Batteriesystems in Frage, die jedoch alle entweder eine zu geringe Energiedichte oder Leistung haben, zu oder zu gefährlich sind. Soll das Elektroauto zusätzlich zum Benzinauto eingeführt werden, so wird zur Energieversorgung ein zweites Tankstellennetz mit viel größerer Dichte erforderlich. Aber dafür steht noch – abgesehen vom Batterietausch – die Lösung einer schnellen Aufladung der Batterie aus. Es ließen sich weitere Probleme nennen, die den elektrischen Antrieb für Kraftfahrzeuge belasten und die verhindern, im Elektroauto eine Zukunftsvariante des Straßenverkehrs zu sehen.

Eine weitere Einsatzmöglichkeit des elektrischen Antriebs Bietet sich in Hybridfahrzeugen, die über zwei Antriebsarten verfügen, einen elektrischen, der im Stadtzentrum, und einen mit Verbrennungsmotor, der außerhalb des Stadtgebietes oder auch im Fernverkehr genutzt wird. Die Hybridvariante, die theoretisch sowohl für Personenkraftwagen als auch für Busse und Lastkraftwagen in Frage kommt, kostet allerdings sehr viel mehr als der ausschließliche Antrieb mit Verbrennungsmotor. Der autonome Elektroantrieb für Fahrzeuge im Weltmaßstab wird also ein unerfüllbarer Wunsch bleiben. Will man dennoch die Umweltfreundliche Elektroenergie nutzen, muss der Weg der Fremdzufuhr beschnitten werden.

Auszug Express in dritte Jahrtausend, Rolf Schönknecht, Urania Verlag 1986 Seiten 41-43

Starke Worte! Eins war in den 80igern noch kein Problem, die Energieerzeugung. Da galt die (jetzt böse) Atomenergie noch als Umweltfreundlich… (naja). Aber grundsätzlich sind wir heute noch keinen Schritt weiter. Das Verkehrsproblem ist nicht einmal in Ansätzen gelöst! Die hilflosen Bemühungen z.B. des Berliner Senates, wo man eben mal grundsätzlich gegen den individualen Autoverkehr ist, aber weder Konzepte noch Möglichkeiten des ÖPNV aufzeigt, sind bezeichnet. Und hier mal ein Statement von mir, solch Blödsinn wie in Berlin zur Zeit verzapft wird, gab es nicht einmal im Sozialismus. Aus diesem Grund kann ich nur jedem, der sich ein wenig mit dem Thema Mobilität beschäftigen mag, dieses Buch aus dem 1985 empfehlen! Es ist aktuell wie nie zuvor!

Der Autor

Nun muss ich zugeben, dass ich ein wenig neugierig war, wer hinter diesen globalen Visionen steckt. Konnte mir nicht vorstellen, das dieses Buch von einem Autor im dunklen Kämmerchen verfasst wurde. Also den Namen in Google eingetippt und siehe da, der Mann hat seinen Fußabdruck hinterlassen. Herr Prof. Dr.-Ing. Dr. sc. oec. Rolf Schönknecht ist nicht so unbekannt, wie von einem DDR Autor gedacht. Geboren 1934 in Berlin, Studium Schiffsmaschinenbau in Rostock, dann auf großer Fahrt! Promotion HfV Dresden, dann Dozent für Schifffahrts- und Hafentechnik, Fakultät für Verkehrsbauwesen, Wechsel zur Universität Rostock, Dozent für Transporttechnologie. 1975 Habilitation, diverse Tätigkeiten an der Uni Rostock, zwischen 84 und 91 Professor mit Lehrstuhl für Transporttechnik und Transporttechnologie, Verkehrsentwicklung und Verkehrslogistik. Mitarbeit in diversen Institutionen und Expertengruppen u.a. Kammer der Technik, Redaktionsbeirat Buchreihen und Zeitschriften. Fast 20 selbständige Schriften und unzählige Beträge in Sammelwerken und Zeitschriften. Nach 1991 in der Wirtschaft als Geschäftsführer und Berater im Bereich Verkehrslogistik in Rostock tätig. Seit 2006 keine Einträge mehr verfügbar. Ob der Abschied von der Lehrtätigkeit an der (Wilhelm-Pieck) Universität Rostock nun freiwillig war oder die Staatnähe ihm zum Verhängnis wurde, kann ich nicht nachvollziehen. Denkbar wäre es, doch wenn man sich gerade das vorliegende Werk ansieht, kann man ihm gerade dies nicht vorwerfen, da die Betrachtungen doch sehr global (hier ein Jumbo-Jet, da ein TGV, mal ein holländische Lokomotive) und nicht DDR bezogen war. Wer noch mehr wissen möchte, benutze bitte diesen LINK.

Ich habe übrigens noch ein kleines Büchlein von Rolf Schönknecht in meinem Schrank gefunden. Dies ist erschienen in der akzent Reihe des Leipziger Urania-Verlages, einer Reihe, die zwischen 1973 und 1990 in fast 90 Bänden populärwissenschaftliche Inhalte verbreitete. Das kleine Buch ‚Schneller – aber wie? Zur Geschwindigkeitsentwicklung von Verkehrsmittel‘ brachte es selbst auf 4 Auflagen (2x Akzente mit Auflage gesamt 60.000 Stück, 1x ungarisch, 1x tschechisch).

Der Verlag

Der Urania-Verlag war ein recht bekannter Sachbuchverlag in der DDR. Es wurden vor allem Bücher zu historischen, naturwissenschaftlichen, populär-wissenschaftlichen Themen verlegt. Der Verlag wurde 1924 gegründet und gab bis zu seinem Verbot in den 30iger Jahren unter anderem die sozialistisch naturkundliche Zeitschrift Urania heraus. 1947 erfolgte die Neugründung in Jena, 1963 der Umzug nach Leipzig. Der Verlag arbeitete eng mit der 1954 in Berlin Schöneweide gegründeten Urania – Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse zusammen. Die URANIA (Kurzschreibweise seit 1966) setzte sich vor allem für eine allgemein verständliche Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse und neuer Technologien sowie eine allgemeine Popularisierung der Wissenschaften ein. Der Urania-Verlag wurde, wie viele DDR Verlage zigmal verkauft und ist heute verschwunden!

Fazit

Nun hab ich so viel reflektiert, das meine persönliche Meinung ein wenig auf der Strecke blieb. Obwohl die Aufmachung ein wenig gewöhnungsbedürftig ist, hat das Buch es in sich. Viele interessante Ansätze zur Verbesserung der Mobilität werden mit für und wider vorgestellt. Das sogar recht ausführlich… Und die meisten sind heute noch aktuell. Anschaulich werden auch schnöde Berechnungen erklärt und anschaulich dargestellt.

Hier noch meine absolute Lieblingsmobilitätsidee. Es wurde die Beschleunigung der Fortbewegung der Fußgänger untersucht. (Transurban-System von Krauss-Maffei, ja genau, die die heute Panzer bauen) Die Lösung lautet aufgeständerte Laufwege, also so ähnlich wie am Flughafen. Die sind ja relativ langsam… für eine sinnvolle Fortbewegung könnten die Laufbänder bis 30 km/h schnell werden. So würde man sogar eine höhere Beförderungsleistung als z.B. eine Metro erzielen. Soweit hört sich das ja gut an, aber nun stellt sich die Frage, wie komme ich denn überhaupt rauf auf dieses Band? Das kann ja nicht immer anhalten, also nebenher rennen, mit der Kinderwagen? Mit Krücken? Geht nicht. Die Idee der Ingenieure war nun folgende… An den Zugangspunkten werden rotierende Scheiben, die sich in gleicher (oder ein wenig niedrigerer) Geschwindigkeit wie der Laufweg bewegen, installiert… Mhmm…! Aber jetzt kommt es, die Passagiere müssen ja sowieso auf die höhere Ebene des Laufweges gebracht werden. Und hier wurde ein Fahrstuhl vorgesehen, der nicht nur den Höhenunterschied ausgleicht, sondern sich auch anfängt zu drehen, bis er die Geschwindigkeit der rotierenden Scheibe erreicht hat. Jetzt kann man ganz normal aussteigen und über die Scheibe zu Laufband schreiten… So weit die Theorie, doch jeder, der sich als Kind mal um sich selbst gedreht hat, weiß was dabei passiert… Ich sehe schon die torkelnden Menschen aus dem Fahrstuhl steigen. So sie sich dann übergeben müssten, und das wäre ein wirklich interessanter Nebeneffekt, würde die Scheibe durch die auftretenden Fliehkräfte immer schön sauber bleiben… In dem Sinne!

  • Titel: EXPRESS ins dritte Jahrtausend
    • Hardcover, 248 Seiten, zahlreiche Illustrationen (teilweise farbig)
  • Autor: Rolf Schönknecht
  • Verlag: Urania-Verlag Leipzig – Jena – Berlin, Verlag für populärwissenschaftliche Literatur, 1986
  • Originalpreis: 24,00 Mark
  • Erhältlich bei: eBay, ZVAB und Amazon. Aber Preise vergleichen!

Bewertung:

Bewertung: 5 von 5.
  • Titel: Schneller – Aber wie?
    • Paperback, 127 Seiten
  • Autor: Rolf Schönknecht
  • Verlag: Urania-Verlag Leipzig – Jena – Berlin, Verlag für populärwissenschaftliche Literatur, 1976, 1977
  • Originalpreis: 4,50 Mark

Bewertung:

Bewertung: 5 von 5.

Hier noch eine DDR Vision von 1986… Leipzig Hauptbahnhof 20??:

Ein Kommentar

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.